Die schöne Madonna von Gnodstadt

Die Schöne Madonna von Gnodstadt - Verschlungene Wege vom Main zum Niederrhein:

Das Dorf Gnodstadt, seit der Gebietsreform 1978 ein Ortsteil der Stadt Marktbreit, war im Laufe seiner langen Geschichte mehreren Herren untertan. Im hohen Mittelalter war es das Würzburger Stift Haug, das die Zinsvogtei über seine Güter in Gnodstadt ausübte. 1308 ist ein Stifthauger Vikar namens Ludwig als erster Pfarrer urkundlich fassbar.

In dieser Zeit muss die Gnodstadter Kirche eine Marienwallfahrt besessen haben. Schriftliche Nachweise gibt es dazu nicht, wohl aber die mündliche Überlieferung. Rückschlüsse lassen sich aus der Tatsache ableiten, dass einst drei der fünf Glocken der Muttergottes geweiht waren, dass es in der Kirche einen Marienaltar gab – 1477 gestiftet, später mit unbekanntem Schicksal verloren – und sich an der Westseite der Kirche eine steinerne Außenkanzel befand, von der aus der Prediger eine größere Zahl von Pilgern im Freien vor dem Gotteshaus erreichen konnte; die Kanzel wurde erst im Jahre 1844 entfernt.

Mittelpunkt des Marienaltars war das Gnadenbild: eine Madonna mit dem Jesuskind auf dem Arm, eine spätgotische, holzgeschnitzte und farbig gefasste Figur. Als 1528 Gnodstadt, inzwischen im ansbachischen Machtbereich, protestantisch wurde, versiegte die Marienwallfahrt. Es ist zu vermuten, dass das Gnadenbild bei der Entfernung des Marienaltars auf dem Dachboden verschwand und schlichtweg vergessen wurde. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde sie aus ihrem Dornröschendasein geweckt. Von da an verlief das Schicksal der Madonnenfigur überaus merkwürdig:

Aus unbekannten Gründen, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind, entdeckte der katholische Pfarrer Dr. Michael Wieland aus Würzburg die Madonnenfigur in Gnodstadt wieder. Wie und wann er auf sie aufmerksam wurde oder wer ihm davon erzählt hat – niemand weiß es. Offenkundig war der Priester von der Anmut der Madonna so gefangen, dass er sie käuflich erwarb. Pfarrer Wieland nahm „seine“ Madonna zu sich und später mit nach Hofheim in die Hassberge, wo sie – wie ein Zeitzeuge berichtete, „die ehrwürdige Zier seines Benefiziatenhauses“ war.

Nach seinem Tod fiel die Madonna im Erbgut an den Würzburger Buchhändler Valentin Bauch, der sie in seinem Laden ausstellte und zum Verkauf anbot. Der Rimparer Pfarrer Josef Heeger, der die Madonna in seiner Jugendzeit im Hofheimer Benefiziatenhaus gesehen und bewundert hatte, soll ernsthaft überlegt haben, die Madonna zu erwerben. Doch noch ehe er seinen Wunsch zu einer konkreten Entscheidung gebracht hatte, war es dafür zu spät. Im Sommer 1915 verkaufte der Buchhändler die Gnodstadter Madonna für 3000 Mark an das Dominikanerkloster Düsseldorf.

Es ist völlig unklar, wie ein Kloster aus dem fernen Düsseldorf auf die Madonna im Schaufenster einer Würzburger Buchhandlung aufmerksam werden konnte und sich gedrängt fühlte, diese für sich zu erwerben. Jedenfalls befindet sich das Gnodstadter Gnadenbild seit ca. 100 Jahren im Dominikanerkloster St. Josef zu Düsseldorf; es wurde dort zunächst – für die Öffentlichkeit nicht zugänglich – im Kapitelsaal aufgestellt. Doch seit dem Juli 2010 ist die Gnodstadter Madonna in der dem Kloster benachbarten Hofkirche St. Andreas im Vorraum der Sakristei ausgestellt.

Im Juli 2010 machte sich der Kitzinger Kreisheimatpfleger Dr. Hans Bauer auf den Weg nach Düsseldorf, um die Gnodstadter Madonna aus der Nähe und mit allen heimatpflegerischen Sinnen in Augenschein zu nehmen. Die weite Reise hat sich gelohnt, denn die Schöne Madonna von Gnodstadt ist größter Bewunderung wert:

Die Madonna mit Jesuskind ist 101 cm hoch, aus Holz geschnitzt und farbig gefasst, auf der Rückseite hohl. Maria trägt eine goldene Krone und ein goldenes Kleid, darüber einen elfenbeinfarbenen Mantel, der innen blau gefärbt ist und sich in schwungvollen Falten über ihre Arme legt und die Füße bedeckt. Eine blaue Randborte läuft um die Oberseite des Mantels und trägt auf zwei Seiten die Inschrift: „REGINA PACIS ORA PRO NOBIS“ – „Königin des Friedens, bitte für uns“.

In der rechten Hand hält Maria eine goldene Birne, Symbol der Fruchtbarkeit und der Reinheit. Das Jesuskind – sein Kopf ist von gekräuselter Lockenpracht bedeckt - ist nur mit einem Lendenschurz bekleidet, sitzt auf dem linken Arm seiner Mutter und hebt segnend die Rechte.

Beide Figuren haben große wasserblaue Augen und dadurch eine überaus lebendige Ausstrahlung. Beider Mund umspielt ein verstecktes, kaum wahrnehmbares, verschmitztes Lächeln. Die Haut ist von vornehmer, elfenbeinfarbener Blässe, die Wangen sind leicht gerötet. Das Antlitz der Maria, von dunklen, rotbraunen Haaren umspielt, ist von zeitloser Schönheit und Anmut.

Der Schluss liegt nahe, die Entstehung der Schönen Madonna von Gnodstadt in die 2. Hälfte des 15. Jh. zu datieren - in jene Jahre, da der Marienaltar und die dazugehörige Frühmessstiftung entstanden und Nikolaus Riemenschneider, der Onkel des bekannten Würzburger Bildschnitzers Tilman Riemenschneider, Pfarrer in Gnodstadt war. Welcher Künstler die Madonna schuf – es muss eine fähige Hand am Werk gewesen sein! – ist nicht bekannt und wird, wenn überhaupt, eines Tages nur durch stilistische Vergleiche festzustellen sein.

Es gibt keinen Zweifel: P. Elias, der Bibliothekar des Düsseldorfer Dominikanerklosters, aber auch die Messnerin der Kirche und alle, mit denen man spricht, reden mit Ehrfurcht und Stolz von „ihrer“ Madonna. Verwundert reagieren sie, wenn man ihnen von der eigentlichen Herkunft aus Franken berichtet und von den merkwürdigen Wegen und Schicksalen, die sie durchlaufen hat. Und es ist zudem keine Frage, dass die Madonna heute ein unschätzbar Vielfaches ihres Kaufpreises von 3000 Mark wert ist!

Text und Foto © Kreisheimatpfler Kitzingen, Dr. Hans Bauer - mit bestem Dank für die Zusendung des Textes und Fotos.